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Die Stadt Magdeburg traf
der sozialistische Wiederaufbau am schwersten.
Insgesamt zehn sakrale Bauwerke, davon acht Gotteshäuser und zwei
bereits säkularisierte Gebäude wurden von den
SED-Regierenden der "Stadt des
Schwermaschinenbaus" gesprengt oder abgerissen. Darunter war auch eine
bereits vollständig wieder aufgebaute und in Nutzung befindliche
Altstadtkirche, die Heilig-Geist-Kirche. "War schon die Zerstörung der
Ulrichskirche ein großer psychologischer Fehler, den die Magdeburger dem
Rat der Stadt nie verzeihen werden, so wäre der Angriff auf die
Heilig-Geist-Kirche in seinen Auswirkungen noch viel verheerender, da es
sich hier um eine im gottesdienstlichen Gebrauch stehende Kirche
handelt." (Pfarrer Schott, 22. Januar 1957). Magdeburgs Altstadtstruktur
wurde fast völlig ausradiert, die berühmte Silhouette durch den Verlust
von drei Doppelturmkirchen und fünf Einturmkirchen empfindlich
ausgedünnt. Die Sprengung von St. Ulrich und Levin - eines Bauwerkes von
welthistorischer Bedeutung - eröffnete die dritte Zerstörung der Stadt.
Die Kirchensprengungen, die Vernachlässigung historischer Bausubstanz
und die fehlende Kraft, der Stadt wieder ein Zentrum zu geben,
resultierte in einem Stadtbild, das die
Journalistin Cornelia Heller
so beschreibt: "Magdeburg war schmutzig, zugig und schwer von Krieg,
nachkrieglicher, teilweise einen Ästheten sprachlos machender
Häßlichkeit und eklatanter Vernachlässigung gekennzeichnet. Magdeburg
war eine Zumutung für jeden Zugereisten."
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Originalzustand |
Vor der Sprengung |
Geschichte der Kirche und ihr Schicksal in der DDR
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St. Ulrich und Levin/ Magdeburg
Geschichte: Gründung vermutlich vor
1022, zunächst Kirche der Ackerbürger, später Kirche der reichen Patrizier,
1524 erste protestantische Großstadtkirche, Sprachrohr der Reformation,
Entstehungsort der Magdeburger Centurien, Taufkirche Ottos von
Guericke, Günther Dehn hielt hier seine berühmte Rede, 1945
durch Bomben Dach und Innenausstattung zerstört, Türme völlig
intakt
DDR-Zeit: 1951 erste Initiative zum Wiederaufbau der Kirche, ab
1953 Bau der sozialistischen Magistrale "Wilhelm-Pieck"-Allee, die
die Kirche nicht mehr vorsah, langjähriger, energischer Kampf der
Kirchenvertreter für den Erhalt, durch hinterlistige
Täuschungsmanöver der örtlichen SED widerrechtliche
Sprengung am 5. April 1956 gegen nationalen und internationalen
Protest, Fundamente frei |
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St. Katharinen/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung 1230, 1468 Vergrößerung des Kirchenschiffes, 1524
Wechsel zum protestantischen Glauben, 1613 bei der Belagerung der Stadt
abgebrannt, ab 1668 Wiederaufbau, 1806 Pferdestall, Pfarrkirche der
Tischler, 1944 durch Brandbomben ausgebrannt, Türme und Mauern intakt
DDR-Zeit: 1961-63
erste Aufräumungsarbeiten an der Kirche, 1964 Sprengung des
Kirchenschiffes, dessen Mauern völlig intakt waren, Überlegungen der
Umgestaltung der Türme zu einem Turmcafé wurden schnell verworfen, 1966 Abtragung der beiden
Türme mit der Spitzhacke und später Überbauung mit dem Haus der Lehrers,
einem türkisfarbenen, heute leer stehenden Stahlbetonhochhaus |
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St. Jakobi/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung vermutlich 1230, Kirche der ärmeren
Bevölkerungsanteile, 1381 Erweiterung des Kirchenschiffes, größte
Pfarrkirche der Stadt mit sieben Jochen und imposantem Satteldach, 1524 Wechsel
zum protestantischen Glauben, 1550 diente der Nordturm als Kanonenturm
und schlug die kaiserlichen Belagerer zurück, 1631 bei der Belagerung
der Stadt abgebrannt, ab 1653 Wiederaufbau, 1945 durch Brandbomben
ausgebrannt, Türme und Umfassungsmauern zu großen Teilen intakt
DDR-Zeit: 1959
Sprengung der gesamten Kirche, die Kunstwerke von Tobias Wilhelmi wurden
im Trümmerberg begraben, Pfarrhaus zunächst belassen, dann ebenfalls
abgerissen, Fundamente mit Kaufhausflachbau überbaut |
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St. Spiritus (Heilig-Geist)/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung vermutlich 1214 als Kapelle des Hospitals zum Heiligen
Geist, 1288 Anbau einer Kapelle zu Ehren der Heiligen Anna durch die
Gewandschneider, ab 1524 Umwandlung zur Pfarrkirche einer neu gebildeten
Gemeinde, 1631 bei der Belagerung der Stadt ausgebrannt, bis 1693
Wiederaufbau, Taufkirche Georg Philipp Telemanns, schmucklose
Kirche mit niedrigem Westturm und barocker Haube, 1945 durch Brandbomben ausgebrannt
DDR-Zeit: Bereits ab
1948 Wiederaufbau mit Hilfe ausländischer Gelder, 1950 Fertigstellung
mit Dach, sofortige Übernahme in den kirchlichen Gebrauch und Feier
regelmäßiger Gottesdienste, im Mai 1959
Sprengung der intakten, wieder
aufgebauten Kirche inklusive der großen Erbgruft, Fundamente überbaut |
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Französisch-Reformierte Kirche/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung am 6. August 1705, Kirche der calvinistischen Franzosen
(ca. 1550 verfolgte Gemeindemitglieder kamen nach Magdeburg), 1732
Orgelweihe, 1804 ausgebrannt, 1945 ausgebrannt
DDR-Zeit: 1957
Ablehnung des Aufbaugesuches der Gemeinde durch die SED-Funktionäre,
unrechtmäßige Enteignung, am 20. Oktober 1960 Sprengung um 14.15 Uhr,
der Bitte um Verhinderung kam der Rat der Stadt Magdeburg nicht nach,
Fundamente später eng von einem riesigen Wohnhochhaus und Plattenbauten
umbaut. |
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St. Pauli (Deutsch-Reformierte Kirche)/ Magdeburg
Geschichte:
Vorgängerbau am Breiten Weg von 1225, dem Apostel Paulus geweiht, Kirche
der Dominikanermönche, 1456 reformiert, 1517 weilte Johann Tetzel hier,
1525 geschlossen, 1631 ausgebrannt, Erneuerung ab 1693, 1698
Besitzerwechsel zur Deutsch-reformierten Gemeinde, 1700 Neuweihe,
Taufkirche von Friedrich Wilhelm von Steuben und Karl
Friedrich Friesen, 1821 erneute Weihe, 1890 Verkauf an die Post und
1895 Abriss und Errichtung der Zentralpost in Formen der
niederländischen Spätgotik, 1896 neogotischer Neubau am Kaiser-Otto-Ring, 1945
ausgebrannt, Turm ohne Schäden, Mauern intakt
DDR-Zeit: 1955 Abriss
der gesamten Kirche und Transport der Steine nach Cracau, Nutzung für
den Bau der Sankt Andreas-Kirche, evtl. Russ.-Orth. Neubau |
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Martinskirche/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung 1898 am Dräsekeplatz in der alten Neustadt nach
Abtragung des Festungsgürtels, Weihe am 10. November 1902 zu Martin
Luthers (1483-1546) Geburtstag, Westportal mit Statue des Reformators
vom Wormser Denkmal, neogotischer Backsteinbau mit 66 m hohem Turm und
vierjochigem Langhaus, 1945
ausgebrannt, Turm und Schiffsmauern intakt, Turmhelm und Dach abgebrannt
DDR-Zeit: 1959
Sprengung der Kirche aus ideologischen Gründen, Überbauung des gesamten,
ehemaligen Standorts der Martinskirche mit monotoner Zeilenbebauung |
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Lutherkirche/ Magdeburg
Geschichte: Ab 1735
Bebauung des Territoriums östlich der Elbe (Friedrichsstadt/ Brückfeld)
mit Wohngebäuden, Entstehung einer Gemeinde und Notwendigkeit eines
Kirchenneubaus, Grundsteinlegung des Kirchenbaus 1880, neogotischer Backsteinbau
mit vier Jochen in der Formensprache der norddeutschen Backsteingotik,
Ostgiebel bürgerlicher Hansearchitektur nachempfunden, 5/8 Chor, 1882 Weihe der
Kirchenbaus, 1897 Namensgebung Lutherkirche, 1944 durch Bomben
teilzerstört
DDR-Zeit: 1951
Abriss, später Überbauung mit Plattenbauten |
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St. Nikolai bzw. Zeughaus/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung vermutlich um 1023, Taufkirche des Domes mit
rundem Grundriss, 1108 Stiftskirche, 1540 Brand der Kirche und des
Kreuzganges, 1573 Anschluss an die Reformation, 1631 ausgebrannt,
Erneuerung ab 1954, Gottesdienste ab 1693, 1806 Lazarett, 1810 Aufgabe
der Kirche als Gotteshaus und Nutzung als Zeughaus der Magdeburger
Garnison, 1938 Weihestätte der Nationalsozialisten, 1945 ausgebrannt,
Mauern intakt
DDR-Zeit: 1959 Abriss
des gesamten Bauwerks und Überbauung des Areals mit einem achtgeschossigen
Plattenbau, nach der Wende Abriss desselben und Errichtung des letzten
Hundertwasserhauses an dieser Stelle ("Grüne Zitadelle") |
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Franziskanerkloster bzw.
Ev. Schule/ Magdeburg
Geschichte:
Grundsteinlegung 1230 durch Franziskanermönche am Breiten Weg gegenüber
der späteren Ratswaage, 1416 Ordenskapitel in Magdeburg mit 400
Franziskanermönchen, im Laufe der Reformation predigten die Mönche gegen
lutherische Ketzerei, 1529 Umwidmung von Teilen des Klosters als
evangelische Stadtschule, 1532 durch Luther als "Unseres Herrgotts
Jugendbrunn" bezeichnet, 1542 Aufgabe des Klosters, Auszug der Mönche,
ab 1551 Abriss von Kirchgebäude und Kreuzgang und Überbauung mit
Wohnhäusern, Schulteil mit Klostergebäuden, Remter und Glockenturm
überdauerte sowohl den 10. Mai 1631 als auch den 16. Januar 1945 relativ
unbeschadet
DDR-Zeit: Ende der
50er Jahre Abriss von Remter und Glockenturm durch d.SED |
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Kirchen der Altstadt |
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Ulrichskirche |
1945 teilzerstört |
1956 Türme gesprengt |
1956 Schiff abgerissen |
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Katharinenkirche |
1945 teilzerstört |
1964 Schiff gesprengt |
1966 Türme abgerissen |
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Jakobikirche |
1945 teilzerstört |
1959 gesprengt |
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Heilig-Geist-Kirche |
1945 teilzerstört |
1951 wieder aufgebaut |
1959 gesprengt |
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Französisch-Reformierte
Kirche |
1945 teilzerstört |
1960 gesprengt |
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Kirchen der Neustadt |
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Deutsch-Reformierte
Kirche |
1945 teilzerstört |
1955 abgerissen |
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Martinskirche |
1945 teilzerstört |
1959 gesprengt |
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Kirchen der
Stadterweiterungen |
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Lutherkirche |
1944 teilzerstört |
1951 abgerissen |
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Säkularisierte Kirchen |
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Nikolaikirche (Zeughaus) |
1945 teilzerstört |
1959 abgerissen |
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Franziskanerkloster (Evangelische
Schule) |
1945 teilzerstört |
1959 abgerissen |
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Tabelle 3: Magdeburgs
zehn gesprengte Kirchen |
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